Moderne Kunst aus Ruanda – Geschichtliches – Teil 2

Kolonialgeschichte

In diesem Beitrag gibt es aus verständlichen Gründen nur ein einziges Foto, denn bis auf ganz wenige Ausnahmen verwende ich nur eigene Fotos.

Dennoch ist es mir wichtig, auch die Geschichte des Landes ein wenig zu beleuchten.

 

Vorkolonialzeit

Bevor wir uns nun in Stadt und Land umsehen, sollten wir uns die Zeit nehmen, einen Blick auf die Geschichte und hier insbesondere auf die Kolonialgeschichte werfen.

Ruanda war seit dem 15. Jahrhundert eine Monarchie, die unter dem Namen „Königreich Banyarwanda“ bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts existierte.

Gegründet wurde dieses Königreich von den Tutsi, einer in diesem Gebiet lebenden sozialen Gruppe. Neben den Tutsi gab und gibt es noch die beiden weiteren Gruppen Hutu und Twa.

Richtigerweise bezeichnen die Begriffe Tutsi, Hutu oder Twa einen einzelnen Menschen der jeweiligen Gruppe. Zur Kennzeichnung der Mehrzahl wird ein „Ba“ vorangestellt, so dass wir eigentlich Batutsi, Bahutu bzw. Batwa sagen und schreiben müssen, wenn wir von der Gruppe sprechen.

Allgemein hat es sich jedoch eingebürgert, von Tutsi(s), Hutu(s) und Twa(s) zu sprechen, wenn mehrere Menschen gemeint sind. Obwohl diese Schreibweise falsch ist, will ich sie hier so übernehmen.

 

Die Europäer kommen

Die Europäer, die Ruanda und Burundi im 19. Jahrhundert bereisten, fanden in beiden Ländern Königshöfe als Herrschaftszentren vor, die sich auf eine kleine Bevölkerungsgruppe stützten, den Tutsi.

Das Herrschaftssymbol war Kalinga, die königliche Trommel, ihr Reichtum bestand aus großen Rinderherden.

Neben der großen Mehrheit der Bevölkerung, die Ackerbau betrieb und sich als Hutu bezeichnete, gab (und gibt) es die Gruppe der Twa genannten Waldmenschen. Letztere lebten von der Jagd und der Töpferei.

Schon vor Eintreffen der Europäer wurde mit dem Begriff Tutsi das Herrschen (der Adel), mit Hutu das Dienen (nichtadeliger Mensch) verbunden.

Als jedoch John Hanning Speke, der in den 1860er Jahren gemeinsam mit Richard Francis Burton auf der Suche nach der Nilquelle war, behauptete, dass die Tutsi den äthiopischen Völkern der Galla und Oromo ähnelten, wohl von Abessinien dort eingewandert seien, war der Grundstein für die Verbreitung der Hamiten-Theorie gelegt: die dort vorkommenden „dunkelhäutigen Europäer“ seien höherwertig als „echte Afrikaner“.

Bereitwillig machten sich die Tutsi diese Sichtweise im Laufe der Zeit zu eigen.

 

Inbesitznahme

Kehren wir kurz ins Europa der 1870er und 1880er Jahre zurück: während ein internationaler Wettlauf um die Inbesitznahme der letzten noch nicht kolonialisierten afrikanischen und überseeischen Gebiete entbrannte, beteiligte sich das Deutsche Kaiserreich – insbesondere aufgrund Bismarcks ablehnender Haltung – zunächst nicht daran.

Erst mit Gründung verschiedener „Kolonialvereine bzw. -gesellschaften“, die sich letztendlich in der „Deutschen Kolonialgesellschaft“ zusammenschlossen, gewann die Kolonialpropaganda zunehmend an Wirksamkeit, der sich letztendlich auch Bismarck beugte.

Es waren Kaufleute und Afrikareisende, die weite Gebiete in Afrika „aufkauften“, z. B. Adolf Lüderitz mit seinem als Meilenschwindel in die Geschichte eingegangenen Kauf der Lüderitzbucht im heutigen Namibia ¹).

Oder beispielsweise Carl Peters ²), der – wie etliche andere -, mit den Einheimischen in Ostafrika Verträge abschloss, die ihnen Schutz versprachen, sogenannte Schutzverträge.

In Wahrheit jedoch traten die afrikanischen Vertragspartner ihr Land an die Fremden ab, weil sie nicht lesen konnten, was sie unterschrieben oder „unterkreuzten“.

Die so erworbenen Gebiete wurden dann unter den Schutz des Deutschen Reiches gestellt, d. h. das Deutsche Reich schützte die „Käufer“, nicht die Betrogenen.

 


 ¹) Der Bremer Tabakhändler Adolf Lüderitz erwarb 1883 die Lüderitzbucht und 20 Meilen des Hinterlandes für 100 englische Pfund und 200 alte Gewehre. Er wollte dort einen Handelsposten errichten. Beim Vertragsabschluss gingen die Nama, um deren Stammesgebiet es sich handelte, davon aus, dass es sich um englische Meilen handelte, erhielten sie doch auch englische Pfund als Bezahlung. Lüderitz jedoch ging von preußischen Meilen aus, die fast fünf mal länger waren als englische.
²) Carl Peters „erwarb“ ca. 140.000 km² Land an der ostafrikanischen Küste durch „Verträge“ mit den Stammeshäuptlingen. Sein Versuch, Ostafrika durch die „Deutsch-Afrikanische Gesellschaft“ zu beherrschen, endete 1888/1889 in einem Aufstand. Das Deutsche Reich übernahm daraufhin die unmittelbare Kontolle. 1891 wurde er zum Kaiserlichen Kommissar für das Kilimandscharo-Gebiet ernannt. Auch dort kam es aufgrund seines brutalen Herrschaftsstils zum Aufstand. „Hänge-Peters“ – so sein Beiname – wurde 1898 unehrenhaft aus dem Kolonialdienst entlassen. In den Jahren 1935 und 1943 erschienen in Deutschland einige Bücher, in denen Peters als ideologischer Vorläufer des Dritten Reiches gefeiert wurde. Der 1941 mit Hans Albers in der Rolle des Carl Peters gedrehte Propagandafilm wurde nach 1945 als Vorbehaltsfilm verboten.

 

Kongokonferenz

Auf Betreiben des belgischen Königs Leopold II. traten vom 15. November 1884 bis 26. Februar 1885 die 14 Teilnehmerstaaten der „Internationalen Afrika-Konferenz“ zusammen und teilten Afrika am Reißbrett unter sich auf.

Noch heute zeugen die teilweise hunderte oder tausende Kilometer langen, schnurgerade verlaufenden Grenzlinien einiger afrikanischer Staaten davon, dass bei dieser Konferenz die Einflussgebiete der Teilnehmerstaaten willkürlich mit dem Lineal gezogen wurden.

Die auch als „Kongo-Konferenz“ in die Geschichte eingegangene Zusammenkunft erkannte in gegenseitigen Verträgen an, dass der Kongo als Freistaat allein dem belgischen König unterstellt wird. Das völkerrechtliche Gebilde „Freistaat Kongo“ wurde also Leopolds persönlicher Besitz.

Dagegen nimmt sich „Deutsch-Ostafrika“, das faktisch ebenfalls bei dieser Konferenz gegründet wurde, noch recht klein aus: Carls Peters hatte genau rechtzeitig einen Schutzbrief des Reiches für die von ihm „erworbenen“ Gebiete westlich von Daressalam beantragt.

Die Deutschen hatten den Wunsch geäußert, die „Hinterland-Doktrin“ mit in das Vertragswerk aufzunehmen. Die anderen akzeptieren das und somit konnte ein Staat, der einen Küstenstreifen erworben hatte, auch das Hinterland bis zu dem Punkt beanspruchen, wo man auf das Land eines Vertragspartners stieß.

So gelangten Tansania, Ruanda und Burundi in deutschen Besitz.

 

Geschenkte Kolonien

Helmut Strizek ³) nennt Ruanda und Burundi in seinem gleichnamigen Buch „Geschenkte Kolonien“.

Diese beiden Länder waren im Deutschen Reich nicht einmal bekannt.

Erst im Jahre 1898 wurde ein deutscher Militärposten in Ruanda errichtet, bevor man ab 1906 ein Residentursystem etablierte.

In einem solchen Residentursystem baute man auf die bestehenden, fest gefügten Herrschaftsstrukturen auf und ernannte einen Residenten.

Dieser sollte lokalen Fürsten als Bevollmächtigter, im Falle Ruandas war es König Musinga, kontrollierend und beratend gegenüber stehen.


³) Helmut Strizek: Geschenkte Kolonien: Ruanda und Burundi unter deutscher Herrschaft, Frankfurt 2007

Gründung Kigalis

Als erster Resident in Ruanda wurde Richard Kandt 1907 vorgeschlagen. Ein Jahr später trat er sein Amt an.

Seine Aufgabe, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass eine deutsche Verwaltung etabliert und geordnete Handelsbeziehungen aufgenommen werden konnten, setzte er tatkräftig und maßvoll um.

Während eines Heimaturlaubes 1914 brach der erste Weltkrieg aus. Da er Arzt war, stellte er sich zur Verfügung und starb 1918 an den Folgen einer Gasvergiftung. In Ruanda ist er noch heute geachtet.

Das Haus, das er in Kigali bewohnt hat, wurde zu einem Naturkundemuseum umgebaut.

 

Aus für Deutschland

Das koloniale Abenteuer dauerte nicht lange für das Deutsche Reich. Mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg verlor Deutschland alle seine Kolonien.

Die Gebiete von Deutsch-Ostafrika wurden zu Mandatsgebieten des Völkerbundes, wobei die beiden Königreiche Ruanda und Burundi als „Ruanda-Urundi“ Belgien und Tansania Großbritannien unterstellt wurden.

 

Neuere Geschichte

Unabhängigkeit

Am 1. Juli 1962 wurden die beiden Länder Ruanda und Burundi unabhängig. Zur Ruhe kamen sie jedoch nicht.

Der im Laufe der Kolonisation von den Europäern verursachte Wandel der Begriffe Hutu und Tutsi von einer ehemals sozialen Gruppenzugehörigkeit in eine rassische Bedeutung hat beiden Gruppen einen ethnischen Stempel aufgedrückt.

Ab 1934 wurden in Ruanda Pässe eingeführt, die vermeintlich „ethnische“ Zugehörigkeit wurde darin vermerkt und damit festgeschrieben.

Der lange und immer offener zutage tretende Zwiespalt zwischen der Tutsi-Minderheit und der Hutu-Mehrheit entlud sich immer wieder.

 

Genozid

Seinen grauenerregenden Höhepunkt fand der Konflikt 1994, als radikale Hutu-Milizen rund 75 Prozent der in Ruanda lebenden Tutsi und auch Hutu, die sich gegen diesen Völkermord zur Wehr setzten, ermordeten.

Insgesamt starben zwischen April und Juli 1994 mindestens 800.000 Menschen.

Die internationale Gemeinschaft unternahm kaum Versuche, das gut organisierte Töten zu stoppen.

Nachdem die Ruandische Patriotische Front (RPF) unter Führung von Paul Kagame im Juli 1994 die Kontrolle über Ruanda übernahm, flohen schätzungsweise vier Millionen Hutu – meist ins benachbarte Ausland.

Seit dem 22. April 2000 ist Paul Kagame amtierender Staatspräsident und damit Staatschef von Ruanda. Er hat dem Land eine Politik der Versöhnung verordnet.

 

Genozid, Ruanda, Mahnmal Genozid, Murambi, Gikongoro

Genozid-Mahnmal in Murambi in der Nähe von Gikongoro: hier wurden 1994 in einer Schule mehr als 27.000 Menschen getötet. Heute sind dort mehr als 1.800 mumifizierte Körper untergebracht, die aus einem Massengrab geborgen und konserviert wurden.

 

Bitte hier klicken, um zum ersten Teil der Artikelserie zu gelangen:

Moderne Kunst aus Ruanda – Verortung – Teil 1

Moderne Kunst aus Ruanda – Rundreise – Teil 3

Moderne Kunst aus Ruanda – Leben auf dem Land – Teil 4

Moderne Kunst aus Ruanda – Leben in der Stadt – Teil 5

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