Ein Pygmäendorf in Burundi und mein Versprechen zu helfen

Ich bin zum ersten Mal in Burundi und alleine unterwegs.

Es ist Ende Juli 2013. Weil ich dieses kleine Land im Osten Afrikas näher kennenlernen will, suche ich mir einen Guide. Steve, ein junger Mann mit ausgezeichneten Englischkenntnissen, wird mich begleiten. Die Rundreise erfolgt im Uhrzeigersinn, d. h. zuerst fahren wir nordwärts, auf der Straße, auf der ich aus Ruanda gekommen bin.

Steve erzählt mir unterwegs einiges über die Pygmäen und ihr Dorf Busekera (Nähe Bugarama), das unsere erste Station sein wird.

Die richtige Bezeichnung für diese Volksgruppe ist Batwa. Einst Urbevölkerung, macht ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung in Burundi heute nur etwa 1 bis 2 % aus. In den umliegenden Ländern Ruanda, Uganda und DRC ist ihr Bevölkerungsanteil ähnlich gering.

Sie sind ausgegrenzt, diskriminiert und leben in großer Armut. Einst waren sie Jäger und Sammler, wussten alles über den Regenwald und sein Ökosystem.

Infolge des Bevölkerungswachstums wurde immer mehr Wald gerodet. Damit wurde ihre Lebensgrundlage immer weiter beschnitten, so dass sie nun als Landarbeiter oder Kleinstbauern ihr Leben fristen oder sich ihren kargen Lebensunterhalt mit Töpferei verdienen.

Buseker: das Dorf der Batwa.

Busekera: das Dorf der Batwa.

 

Als wir im Dorf der Pygmäen ankommen, werden wir vom Lehrer begrüßt, der uns entgegeneilt. Steve hatte uns angekündigt und jetzt werden wir als erstes zu einem Gebäude gebracht, das aus einem aus Steinen gemauerten Sockel besteht.

Darüber trägt ein hölzernes Gerüst ein mit Lehmziegeln gedecktes Satteldach. Die Zwischenräume sind mit schmalen Latten ausgekleidet, die ein wenig Licht ins Innere durchlassen. Als Fenster dienen hölzerne Läden, die nun jedoch geschlossen sind.

 

Schule der Batwa-Kinder in Busekera

Schule der Pygmäen / Batwa-Kinder in Busekera

Die Schule

Wir gehen um das Haus herum und betreten den einzigen Raum des etwa 10 mal 5 Meter großen Gebäudes durch eine Tür am Ende der Längsseite.

Es dauert nur kurze Zeit, bis ich mich an das Dunkel gewöhne und mindestens 25 Kinder unterschiedlichen Alters erkenne.

 

Im Innern der Schule: der einzige Klassenraum.

Im Innern der Schule: der einzige Klassenraum.

 

Dann fangen sie auch schon an zu singen – ein englisches Lied. Sie alle sehen mich dabei an und ich begreife: sie singen für mich.

Ich wage kaum zu atmen, sehe alles verschwommen, weil mir die Tränen in die Augen schießen, bekomme lange Zeit keinen Ton heraus, auch nachdem das Lied schon lange zu Ende ist.

Nun stellt ihnen der Lehrer Fragen, die sie im Chor beantworten – ohne mich dabei aus den Augen zu lassen. Mir fällt auf, dass auf den Pulten keine Hefte, Bücher oder Stifte liegen.

 

Pygmäen, Busekera, Batwa

Gespannte Aufmerksamkeit

 

Pygmäen, Busekera, Batwa

Wen soll man anschauen: den Lehrer oder den fremden Besuch?

 

Als der Lehrer das Zeichen zur Pause gibt, stürmen alle lärmend hinaus.

 

Im Dorf

Der junge Lehrer führt uns jetzt im 300-Seelen-Dorf der Pygmäen herum. Die Menschen dort leben mittlerweile in Lehmhäusern, doch es gibt noch ein paar Rundhütten.

Zwar haben sie keinen König mehr, aber seine Hütte wird immer noch gepflegt und ist an dem hölzernen Mondsymbol, das die Spitze des mittleren Stützbalkens bildet, zu erkennen.

 

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Der Rundbau ist die Hütte des einstigen Königs.

 

Die Rundhütten sind sehr klein – auch für kleinwüchsige Menschen.

Wir dürfen die Hütte des Königs betreten: der Innenraum der Halbkugel ist durch Bastmatten in drei Teile geteilt.

Im vorderen, größten und sichtbaren Teil wurden Gäste empfangen.

Die hintere Hälfte der Halbkugel wurde wiederum durch Bastmatten in zwei Teile unterteilt.

In jedem Raumteil stand eine Liege, dort wurde geschlafen. Links die Eltern, rechts die Kinder.

Nun erhalte ich eine sonderbare Erklärung, warum die Batwa kleinwüchsig sind: da das Bett der Eltern von dem der Kinder nur durch die Bastmatte getrennt war, bekommen die Kinder von klein an mit – sind sozusagen dabei -, wenn die Eltern Sex haben. Sind sie dann alt genug, machen sie es den Eltern nach. Und zeugen nicht selten Kinder unter Geschwistern, die sogar untereinander heiraten dürfen. Die Folge: Kleinwüchsigkeit durch Inzucht.

Ich weiß bis heute nicht, ob es die wirkliche Erklärung dafür ist, dass die Batwa, die die eigentliche Urbevölkerung in diesem Teil von Afrika sind, aufgrund der frühen Sexualpartnerschaften unter Geschwistern tatsächlich durchschnittlich nicht größer als 150 cm werden.

Eine solche Begründung habe ich zwar nirgendwo nachlesen können, doch wenn sie von einem echten Twa (Twa = Einzahl, Batwa = Mehrzahl) stammt, sollte ich sie da anzweifeln?

Vielleicht habe ich auch nur das Augenzwinkern übergesehen, während er die Geschichte erzählte?

 

Pygmäen, Busekera, Batwa

Alle sind zusammen gekommen und warten.

 

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Sie sind so neugierig auf mich wie ich auf sie.

 

Töpfern und Tanzen

Ich bin sicher, dass der nächste Teil seiner Erklärungen zu den Sitten und Gebräuchen der Batwa schon eher der Wahrheit entspricht.

Als das Jagen und Sammeln nicht mehr ausreichte, den Lebensunterhalt zu bestreiten, haben sie begonnen, traditionelle Tontöpfe herzustellen.

Dabei hat ein Teil der jeweiligen Gemeinschaft das Töpfern übernommen, ein anderer Teil hat getanzt und gesungen, um die Arbeitenden zu unterhalten.

Auf einem kleinen erhöhten Platz – geschützt durch ein Bambusdach – warten nun bereits einige Frauen mit Tonklumpen darauf, mir ihre Kunst zu zeigen.

 

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Alles ist bereit: das Töpfern kann beginnen.

 

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Alle beginnen gleichzeitig: rhythmisches Klatschen und Stampfen begleitet die Töpferinnen beim Formen des Tons.

 

Sobald sie anfangen, den Ton zu formen, betritt zuerst eine Frau den Platz des Geschehens. Sie beginnt zu klatschen und zu singen, stampft rhythmisch mit den Füssen, dreht sich dabei langsam im Kreis. Dann werden es immer mehr, die die Fläche betreten und in den Rhythmus einfallen: Frauen, Männer und Kinder, sogar ganz kleine.

Wieder schnürt es mir die Kehle zu. Obwohl diese Vorführung jetzt für mich veranstaltet wird, spüre ich dennoch die Kraft, Ursprünglichkeit und Lebensfreude, die in afrikanischen Tänzen und Liedern zum Ausdruck kommt – selbst wenn die Lebensumstände der Menschen alles andere als erfreulich sind.

 

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Schon sind es zwei Tänzerinnen.

 

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Nicht nur die Frauen tanzen mit.

 

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Es werden mehr und mehr.

 

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Das ganze Dorf ist jetzt beteiligt: einige tanzen und singen, die anderen schauen zu.

 

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Sogar die ganz Kleinen trauen sich …

 

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… und klatschen hingebungsvoll mit.

 

Mit der Fertigstellung der kleinen Tongegenstände hören auch die Tänzer auf, sich zu bewegen und zu singen.

Obwohl die meisten meine Worte sicher nicht verstehen, sage ich „thank you, merci“, schüttele entgegengestreckte Hände, frage, ob ich Fotos machen darf und zeige den Abgebildeten ihr Bild im Display.

 

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Fertig!

 

Der Lehrer möchte mir noch etwas zeigen. Wir betreten einen relativ großen Raum. Auf der linken Seite stehen einige Tische. Auf ihnen liegen Gegenstände unterschiedlichster Art: Holzstücke, geschnitzte und scheinbar unbehandelte, Bilder, Gefäße aus Ton, Trommeln, sonstige Musikinstrumente.

Zuerst verstehe ich nicht, welchem Zweck dieser Raum dient, doch langsam wird mir klar, dass es rituelle Gegenstände sein müssen.

Ich bewundere die kleine Ausstellung, frage nach der Funktion des ein oder anderen Teils. Auf der rechten Seite des Raums steht nur ein einziger Tisch und auf diesem liegt ein sehr großes Buch. Es ist das Gästebuch. Der Lehrer bittet mich, dass ich mich eintrage. Klar – mache ich.

Und nun muss ich ihn endlich fragen: „Why do the children have no exercise books and pencils on their desks?“ „Because we have no money to buy it!“ lautet seine Antwort.

Die Kinder singen die Lieder aus dem Gedächtnis, haben nichts, womit sie den Text aufschreiben, keine Bücher, in denen sie lesen können.

Ob ich helfen kann, fragt er mich. Ich werde es versuchen.

 

Abschied und Versprechen

Wir verabschieden uns von den Dorfbewohnern: Hände schütteln und winken, immer wieder umdrehen und noch einmal winken.

Der Lehrer begleitet uns bis zum Auto, bittet mich noch einmal, die Kinder nicht zu vergessen. Wie könnte ich das?

 

Pygmäen, Busekera, Batwa, Burundi

Noch ein letzter Blick zum Abschied.

 

Selbstverständlich konnte ich sie nicht vergessen. Ich werde Anfang November 2014 wieder in Burundi sein. In Bujumbura werde ich Hefte und Stifte kaufen und sie den Kindern der Pygmäen von Busekera bringen. Die „Stiftung für Helfer“ unterstützt mich dabei mit einem Betrag von 200 Euro aus der Stiftung. Und natürlich werde ich anschließend hier darüber berichten.

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