Namibia: Gästefarmen sind ein unbedingtes Muss

„Wer nicht mindestens einmal auf einer Gästefarm übernachtet hat, der war nicht wirklich in Namibia.“

Vorbereitungen

Diesen Satz habe ich so oft gehört und gelesen, als ich dabei war, meine Namibiareise zusammenzustellen. Natürlich wollte ich „wirklich“ in Namibia gewesen sein und deshalb gehörte auch der Aufenthalt auf mindestens einer Gästefarm zum Reiseprogramm. Ich suchte also nach solchen Unterkünften entlang der Route, die ich fahren wollte.

Meine Vorstellung einer „Gästefarm“ war recht vage – irgendetwas zwischen „Ferien auf dem Bauernhof“ und dem, was ich einmal in einer Doku gesehen hatte: eine Familie, die weitab jeglicher Zivilisation auf einer Farm lebt und sich ein Zubrot mit der Vermietung von Gästezimmern verdient. Entschieden habe ich mich dann für die „Namtib Desert Lodge“. Wie ich heute weiß: eine sehr gute Entscheidung!

Suchen und finden

Endlich ist es so weit: ich bin mit einem gemieteten Wagen unterwegs in Namibia – begleitet von meiner Schwester Marianne.

 

Die B4 in Richtung Lüderitz.

Die B4 in Richtung Lüderitz.

 

Am sechsten Tag der Rundreise – nach zwei Tagen Aufenthalt in Lüderitz am Atlantik – fahren wir wieder ein Stück Richtung Osten und machen Rast bei den Wildpferden von Garub. Ca. 170 dort wild lebende Pferde, wahrscheinlich Nachkommen der einst mit den Schutztruppen ins Land gebrachten Pferde, leben dort vollkommen frei und sind zu einer Attraktion geworden.

 

Wildpferde bei Garub

Wildpferde bei Garub

 

Ein wenig problematisch wird es, als wir losfahren wollen, denn unser Auto hat es dem Leithengst angetan.

 

Der Leithengst der Wildpferde hat sich in unseren Toyota verliebt.

Der Leithengst der Wildpferde mag unseren Toyota besonders gern.

 

 

Nachdem er den Wagen mindestens eine halbe Stunde lang liebkost hat, können wir losfahren. Es geht zum ersten Mal weg von der asphaltierten Straße – und direkt hinein in die Namib. Nach ein paar hundert Metern endet der Asphalt, die Sandpiste beginnt. Wir sind jetzt unterwegs auf der D707 – wie es heißt der schönsten Nebenstraße Namibias.

 

Namibia, Gästefarm

Namibias schönste Nebenstraße: die D707.

 

Köcherbaum an der D707.

Köcherbaum an der D707.

 

Äste des Köcherbaums.

„Äste“ des Köcherbaums.

 

Unser heutiges Etappenziel ist die Namtib Desert Lodge. Irgendwann tauchen die ersten Hinweisschilder auf.

 

Erster Hinweis auf die Gästefarm: noch 47 km!

Erster Hinweis auf die Gästefarm: noch 47 km!

 

Irgendwann zeigt dann ein Schild am linken Straßenrand, dass wir bald da sind und nach rechts abbiegen müssen.

 

Jetzt müssen wir rechts abbiegen. Dann sind es noch 12 km.

Jetzt müssen wir rechts abbiegen. Dann sind es noch 12 km.

 

Wir fahren direkt auf die Tirasberge zu und lernen heute die erste Lektion in Sachen Entfernungen in Namibia: unser Ziel befindet sich etwa 12 Kilometer von der Straße entfernt. Drei Gatter müssen geöffnet und wieder geschlossen werden, bevor wir ankommen.

 

Wir sind von der D707 abgebogen und fahren auf die Tirasberge zu.

Wir sind von der D707 abgebogen und fahren auf die Tirasberge zu.

 

Das erste Gatter

Das erste Gatter

 

Jetzt sind es nur noch wenige Kilometer

Jetzt sind es nur noch wenige Kilometer.

 

Gästefarm Namibia, Namibia, Namtib Desert Lodge

Marianne öffnet das letzte Gatter.

 

Wir sind fast da

Wir sind fast da.

 

Ankommen und verweilen

Herzliche Begrüßung in Deutsch mit einem Willkommenstrunk. Die Namtib Desert Lodge gehört der Familie Theile, die seit 1982 hier Gäste aus aller Welt begrüßt. Fünf separate und liebevoll eingerichtete Bungalows, alle mit eigenem Bad, stehen für einen authentischen Aufenthalt zur Verfügung. Dazu gibt es noch den Campingplatz „Little Hunter´s Rest“.

 

Die Bungalows - wir haben die Nr. 2

Die Bungalows – wir haben die Nr. 2, d. h. im Foto der direkt links vom Baum.

 

Wir ziehen in Bungalow Nummer 2 ein. Schnell ausgepackt und wieder nach draußen: wir erkunden die Umgebung zu Fuß. Die Farm liegt inmitten der Tirasberge und mancher Baum wirkt wie Spielzeug neben den roten Felsbrocken, die aussehen, als hätte ein Riese sie hingeschleudert.

 

Der Hausberg auf dem eigenen Grundstück

Der Hausberg auf dem eigenen Grundstück.

 

Namtib Desert Lodge, Gästefarm Namibia, Namibia

Kleine Hügel – „Riesenspielzeug“

 

Auf dem Rückweg geraten wir in die Schafherde, die am späten Nachmittag nach Hause getrieben wird.

 

Namtib Desert Lodge, Namibia, Gästefarm Namibia

Eine Hauch von wildem (Süd-)Westen – Schafherde auf dem Nachhauseweg.

 

Wie immer wird es schnell dunkel. Bei Einbruch der Dämmerung finden sich alle heutigen Gäste auf der Terrasse des Haupthauses ein.

 

Das Haupthaus: der Treffpunkt für alle, die hier wohnen, die hungrig und durstig sind oder einfach nur plaudern wollen.

Das Haupthaus: der Treffpunkt für alle, die hier wohnen, die hungrig und durstig sind oder einfach nur plaudern wollen.

 

Natürlich wird auch hier nicht auf den obligatorischen Sundowner verzichtet. Mit einem Getränk in der Hand lernt man sich ein wenig kennen: Schweizer, Südafrikaner, Deutsche und unsere Gastgeber. Alle freuen sich auf das Abendessen, das gemeinsam mit der ganzen Familie an einem riesengroßen Tisch eingenommen wird. Es gibt Zwiebelsuppe, gebratenen Springbock, Nudeln und Salat und Vanillepudding mit Guaven zum Nachtisch. (Sorry, hiervon habe ich leider keine Fotos. Aber ich gelobe Besserung!)

Jetzt wird mir langsam klar, warum es heißt, dass man nicht in Namibia war, wenn man nicht auch auf einer Gästefarm übernachtet hat. Beim Dinner trifft man mit allen zusammen und erfährt viel von den anderen Reisenden, aber vor allem auch vom Leben hier. Man genießt den Abend bei leckerem einheimischen Essen, Kerzenlicht und spannenden Geschichten.

Am nächsten Morgen sitzen alle erneut am großen Tisch bei einem typisch namibischen Frühstück mit Miliepap, einem Maismehlbrei, der in Ostafrika auch als Ugali bekannt ist.

Bald brechen einige Gäste zu ihrer nächsten Etappe auf. Wie viele mögen wohl im Laufe der Jahre hier auf dieser Farm gewesen sein? Ich versuche mir vorzustellen, wie es ist, täglich mit neuen Leuten zu Abend zu essen, mit ihnen zu frühstücken und am Abend gibt es eine neue, andere Runde.

 

Lernen

Marianne und ich machen uns zu einer kleinen Wanderung auf. Thorsten, der Sohn der Familie, hatte gestern Abend erzählt, dass es neulich geregnet hatte und deshalb „viel“ Gras da sei. Viel ist dabei relativ, denn für unsere Vorstellung wirkt die Vegetation recht karg.

 

Gästefarm Namibia

Eine kleine Wanderung am Morgen: es gbit viel Gras für hiesige Verhältnisse.

 

Gästefarm Namibia, Namibia,

Blaue Blütchen auf steinigem Untergrund: die Natur bahnt sich überall ihren Weg.

 

Dornige Vegetation - Schaffutter.

Dornige Vegetation – Schaffutter.

 

Am Nachmittag geht’s dann endlich los zur Farmrundfahrt. Wir sind dreieinhalb Stunden mit Thorsten im Truck unterwegs und erfahren einiges über Farmen in Namibia:

 

Mit diesem Truck geht es zur Farmrundfahrt.

Mit diesem Truck geht es auf Farmrundfahrt.

 

Das Gelände der Namtib-Farm ist mit ca. 165 km² etwa so groß wie Liechtenstein. Dennoch reicht das Gras auf dieser Fläche nicht aus, um mehr als 100 Rinder und 800 Schafe zu ernähren. Viele Farmbesitzer verdienen sich deshalb Geld hinzu, indem sie Gäste bewirten.

Wir halten an einem alten Kameldornbaum – typischer und fast überall vorkommender Baum –, in dem sich ein riesiges Siedelwebernest befindet. Wie der Name schon sagt, siedeln diese Vögel in großen Gemeinschaften, auch um sich vor ihren Fressfeinden wie beispielsweise der Speikobra zu schützen. Diese Schlangen suchen sich sehr oft ein Plätzchen auf diesen Nestern. Nicht zuletzt deshalb sind die Einflugöffnungen des Nests unten.

 

Ein alter Kameldornbaum mit einem Siedelwebernest

Ein alter Kameldornbaum mit einem Siedelwebernest

 

Dornen des Kameldornbaums: ganz schön lang und spitz!

Dornen des Kameldornbaums: ganz schön lang und spitz!

 

Das Nest, bei dem wir angehalten haben, ist etwa 30 Jahre alt. Thorsten warnt uns davor, uns sofort unter den Baum zu stellen, sondern erst ein paar Minuten abzuwarten. Dann könne man sicher sein, dass sich keine Speikobra auf diesem Baum befindet, die sich gerne auf Neugierige herabfallen lässt. Da bleiben wir doch alle lieber ein ganzes Stück entfernt stehen.

 

Ein etwa 30 Jahre altes Siedelwebernest. Die Einflugöffnungen befinden sich unten.

Ein etwa 30 Jahre altes Siedelwebernest. Die Einflugöffnungen befinden sich unten.

 

Eine Oryx-Antilope beobachtet uns.

Eine Oryx-Antilope beobachtet uns.

 

Die große Rundfahrt – es ist sehr kühl geworden – endet mit einem Sundowner.

 

Der obligatorische Sundowner darf auch bei einer Farmrundfahrt nicht fehlen.

Es wird schon dunkel und ist kühl, doch der obligatorische Sundowner darf auch bei einer Farmrundfahrt nicht fehlen.

 

Hungrig fahren wir zur Farm zurück und alle freuen sich jetzt auf das Abendessen, das auch heute wieder vorzüglich schmeckt: Tomatensuppe, halbierte überbackene Kürbisse, Reis und Hackfleischauflauf von der Orix-Antilope.

Ich frage nach, wie es sich mit dem Jagen verhält und Frau Theile erklärt mir, dass die Tiere, die sich auf dem eigenen Gelände befinden, auch gejagt werden dürfen. Das geschieht jedoch mit sehr großer Vorsicht und nur für den tatsächlichen Gebrauch, um den Bestand nicht zu gefährden.

„Gibt es denn auch Großkatzen oder sonstige ‚Raubtiere‘ auf dem Gelände der Farm?“ ist meine nächste Frage. Ja, die gibt es und ab und zu wird auch mal ein Schaf gerissen. Die Einstellung der Familie, dass man das einkalkulieren muss, wenn man sich im Wohnzimmer der Wildtiere befindet, gefällt mir.

Und noch eine ganz praktische Frage brennt mir unter den Nägeln: Wie funktioniert das Einkaufen? Schließlich hat man keinen Kiosk um die Ecke, wo man mal eben das bekommt, was man vergessen hat. Wie organisiert man das, wenn man etwa 300 Kilometer von Windhoek entfernt täglich viele Gäste mit Essen und kühlen Getränken bewirtet?

Die Antwort ist überraschend einfach und dennoch unvorstellbar: etwa alle sechs Wochen wird in Windhoek eingekauft. Dazu fahren meist Thorsten und seine Frau Linn mit dem Truck in die Hauptstadt und kaufen alles ein, was nötig ist. Meist funktioniert das nicht an einem Tag. Man übernachtet also in Windhoek. Thorsten gibt zu, dass er sich immer darauf freut, weil er sich dann zur Abwechslung zu dem gesunden Essen zu Hause den Bauch mit Junk-Food vollschlagen kann.

Ich versuche mir vorzustellen, was für eine Logistik dahintersteckt. Alles und jedes, was gebraucht wird, muss auf einer Liste stehen, damit es nicht vergessen wird. Ansonsten muss man sechs Wochen warten – oder man hat unzufriedene Gäste!

In der Nacht prasseln Regentropfen auf das Wellblechdach unseres Bungalows. Es hört sich an wie ein Wolkenbruch. Thorsten klärt mich später auf, dass es wirklich nur ein paar Tropfen waren – nicht einmal feststellbar im Glasrohr des Niederschlagsmessers.

 

Weiterfahren

Heute liegen etwa dreihundert Kilometer Fahrt durch die Namib zum nächsten Ziel vor uns. Wir wollen zur Kulala Desert Lodge in der Nähe des Sossusvlei. Nach dem gemeinsamen Frühstück wollen wir schnell aufbrechen. In der Zeit, in der wir unsere Sachen einpacken, hat sich draußen alles verändert und wir erleben ein wirkliches Naturschauspiel, das zwischen Mai und September in der Namib sehr oft zu beobachten ist. Wir sind eingehüllt von Nebel: Küstennebel! Dieser bringt in einem etwa 50 Kilometer breiten Streifen parallel zur Küste die einzige Feuchtigkeit, die etlichen Pflanzen und Tieren das Überleben sichert.

Der gespenstische Nebel verzieht sich fast so schnell, wie er gekommen ist.

 

Küstennebel Namibia, Wüste Namib, Gästefarm Namibia, Namibia

Ein Rest von Küstennebel, der sich schnell verzieht.

 

Ein Rest von Küstennebel, der sich schnell verzieht.

Wir nehmen Abschied von den Theiles.

 

Jetzt kann ich den Ausspruch „Wer nicht mindestens einmal auf einer Gästefarm übernachtet hat, der war nicht in Namibia“ wirklich verstehen.

 

Ich will ihn an alle weitergeben, die vorhaben, nach Namibia zu reisen.

 

2 Kommentare

Sabine von Ferngeweht

vor 3 Jahren

Oh, wie schön, bei Thorsten waren wir auch! Am besten hat uns die Wanderung auf den Hausberg gefallen: ein endloser Blick über die Wüste und eine Stille, die man fast anfassen kann ... Herrlich!!! Danke für die schöne Erinnerung an Namibia!

Antworten

Huebscher

vor 3 Jahren

Bitte gerne: das freut mich sehr. Ich habe die Zeit dort so sehr genossen!

Antworten

Hinterlasse einen Kommentar

Ich freue mich über Deinen Kommentar. Hier kannst Du ihn absenden:


Top