Ruanda: Meine Begegnung mit dem Jungen im Reisfeld

Das Foto

Ein zufällig entstandenes Foto von einem kleinen Jungen auf einem Reisfeld – geschossen auf einer Reise zu zweit – mit dem Motorrad durch Uganda und Ruanda. Das war 2012.

Nach einer sehr langen Etappe brauchten wir eine Pause, ein wenig Ruhe und machten am Rande eines riesigen Reisfeldes Halt, einige Kilometer vor Butare, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz in Ruanda.

 

Ruanda, Reisfeld, Butare

Ein Reisfeld am späten Nachmittag. Die Sonne steht schon sehr niedrig.

Umschauen und sich am Grün des Reisfeldes berauschen. Die Idee, die Böschung herunterzuklettern und dort unten ein paar Fotos zu machen. Einige wenige Einheimische, die sich nicht um uns kümmern. Dann die Kinder, der kleine Junge und das Foto.

Seitdem lässt mich dieses Bild nicht mehr los, beschäftigt mich dieses Foto, nein: der Junge auf dem Foto. So sehr, dass ich 2013 wieder dorthin reiste.

Aber zunächst wieder zurück zum 23.09.2012 und aufs Reisfeld.

Es war schon später Nachmittag. Wir beeilten uns, schöne Motive und ungewöhnliche Perspektiven zu finden, denn die Sonne sinkt schnell in Äquatornähe.

Wie fast überall auf unserer Reise waren wir schon nach einigen Minuten nicht mehr alleine. Eine Kinderschar begleitete uns auf Schritt und Tritt.

Sie beobachteten uns neugierig, wollten herausfinden, was wir hier machen, interessierten sich für unsere Kameras, staunten, wenn sie sich selbst im Display sahen und wollten immer wieder fotografiert werden.

Einer der Jungs hatte ein kleines Schwein dabei, ein anderer einen Reifen, ein Spielzeug, das ich nur aus den Erzählungen meiner Mutter kenne. Die Leute damals hatten kein Geld, um Spielsachen zu kaufen. Also musste ein ausgedienter Reifen genügen.

 

Die Kinder haben nicht viele Spielsachen. Einer hat ein kleines Schwein dabei.

Die Kinder haben nicht viele Spielsachen. Einer hat ein kleines Schwein dabei.

 

Als ich mich umdrehte, stockte mir fast der Atem: ein kleiner Junge, der wie aus dem Nichts erschienen war, stand unbeweglich in ein paar Metern Entfernung vor mir.

Das zerrissene und viel zu große grüne T-Shirt mit dem roten Aufdruck „SKOL“, das er trug, stammte sicher aus einer Altkleidersammlung irgendwo in Europa.

Das T-Shirt war stark verblasst, wirkte fast wie Tarnkleidung in diesem Feld.

Doch all das nahm ich nur am Rande wahr. Es waren die Augen dieses Jungen, es war sein Blick, der mich nicht mehr loslassen würde.

 

Ruanda, Butare, Patrique

Der Junge im Reisfeld: er stand ganz plötzlich da!

 

Es dauerte einige Zeit, bis er sich zu den anderen Kindern gesellte, blieb jedoch immer etwas am Rande, war stiller als die anderen.

Er spielte und lachte mit den anderen – und beobachtete ganz genau, was um ihn herum passierte.

 

Ruanda

Spiel …

 

Ruanda, Reisfeld

… und Spaß.

 

Alles an ihm war zurückhaltend, fast scheu. Seine klaren Augen forschten, schienen unendlich viele Fragen zu stellen.

 

Patrique, Ruanda, Reisfeld

Diese Augen werden mich nicht mehr loslassen.

 

Was ich in diesen Sekunden gesehen und gefühlt habe, war und ist es, was ich immer mit Ruanda und den Menschen dort in Verbindung bringen werde.

Den Menschen, die so unsagbar viel Leid ertragen haben, Unaussprechliches verzeihen oder mit erdrückender Schuld leben müssen.

 

Es wird dunkel: Abschied!

Es wird dunkel: Abschied!

 

Bald war es Zeit aufzubrechen, erst nach Butare, der nahegelegenen Stadt, in der wir übernachteten, später nach Kigali, dann nach Hause. Doch ich hatte mehr als ein paar Fotos von Ruanda und diesem Jungen mitgenommen: ein verstörendes Gefühl von Nähe.

Auf dem Feld war er mir ganz nahe, hat mich mit seinem Blick ganz tief in meinem Inneren berührt – und ich konnte nichts tun, als dieses Gefühl wahrzunehmen, einzuschließen und mit mir mitzunehmen.

Es verging kaum ein Tag, an dem ich nicht an ihn gedacht habe. Immer wieder habe ich mir die Fotos angesehen, versucht, in seinen Augen zu lesen, was er mir sagen, was er mich fragen will. Und habe beschlossen, meine nächste Afrikareise so zu planen, dass ich dorthin zurückfahren und ihn suchen werde.

 

Rückkehr

Am 28.07.2013 bin ich erneut in Kigali, fahre mit dem Bus nach Butare, übernachte dort und fahre dann erst einmal weiter nach Burundi. Ich bin alleine unterwegs und will dieses kleine Land bereisen.

In zweieinhalb Wochen lerne ich sowohl die Hauptstadt Bujumbura als auch andere Städte, die Nilquelle, die heiligen Trommler, den Tanganjikasee und vieles andere kennen.

Vor allem aber lerne ich die Menschen des laut „Welthunger-Index“ ärmsten Lands der Erde kennen und lieben. Die Freundlichkeit und Fröhlichkeit, die Neugier und die Lebensfreude, ihr Stolz und ihre Hilfsbereitschaft sind noch größer, als ich es im Vorjahr in Uganda und Ruanda erlebt hatte.

Überall werde ich mit Handschlag begrüßt. Alle bemühen sich herauszufinden, wie es mir geht, woher ich komme und wie mir Burundi gefällt.

Dank der Hilfe meines einheimischen englischsprachigen Guides Steve verstehe ich das am Ende meiner Reise sogar in Kirundi, der Sprache, die in Burundi neben Französisch hauptsächlich gesprochen wird.

Und wieder empfinde ich – wie ein Jahr zuvor, als wir von Uganda nach Ruanda fuhren – dieses „Andere“ bei meiner Rückreise durch Ruanda, bei der ich noch einmal Station in Butare machen will, bevor ich von Kigali aus nach Deutschland zurückfliege.

Damals vor einem Jahr – zum ersten Mal mit dem Motorrad unterwegs – merkte ich nach der Überquerung der Grenze von Uganda nach Ruanda recht schnell, dass hier etwas anders war: die Menschen wirkten verschlossener, ernster.

Wie in Uganda erwiderten auch sie unser Winken, ein „Bonjour“ oder „Hello“ und schnell verzauberte ein Lächeln ihr vorher eher verschlossen wirkendes Gesicht. Nirgendwo mussten wir auf Hilfe warten, wenn wir sie benötigten und auch hier waren wir schnell von Neugierigen umringt, wenn wir irgendwo anhielten.

Doch fast immer waren die Menschen ein wenig verhaltener, als wir es in den 10 Tagen in Uganda erlebt hatten: alles war gleich und doch ein wenig anders.

 

Suche

Nun habe ich extra zwei Tage Aufenthalt in Butare eingeplant und mir vorgenommen, den Jungen vom Reisfeld zu suchen.

Ich habe alle Fotos, die ich letztes Jahr dort von den Kindern aufgenommen hatte, mehrfach ausdrucken lassen.

Doch plötzlich bin ich unsicher, ob ich wirklich dorthin zurückgehen soll, nach ihm suchen soll. Was will ich dort?

Die ganze Zeit über hat mich ein diffuses Gefühl angetrieben, das man vielleicht Sehnsucht nach diesem Kind nennen könnte. Nun zweifle ich an der Richtigkeit meines Vorhabens. Andererseits sagt irgendetwas in mir: „Du bist hier. Tu es!“

Immer noch nicht ganz überzeugt, entschließe ich mich, zu Fuß zu gehen, statt mir ein Motorradtaxi zu nehmen. Selbst damit zögere ich die Suche noch ein Stückchen heraus.

Als Anhaltspunkt habe ich nur die Fotos der Stelle, an der wir damals das Motorrad zurückgelassen hatten und meine Erinnerung.

 

Butare, Ruanda

Meine Suche beginnt: eine Straße in Butare.

 

Butare, Ruanda

Aus der Stadt heraus: schon beginnen die Reisfelder Auf dem Baum am Straßenrand ist ein Bienenstock befestigt.

 

Schritt für Schritt nähere ich mich meinem Ziel. An dem einzeln stehenden, sehr hoch gewachsenen Eukalyptusbaum erkenne ich die Stelle, an der wir das Motorrad zurückgelassen hatten und zu den Feldern herunter geklettert waren.

 

Eukalyptusbaum, Butare, Ruanda

Ich erkenne den Eukalyptusbaum am Straßenrand: hier muss es gewesen sein.

 

Unten wäscht eine Frau in dem kleinen Kanal die Familienwäsche.

 

Reisfeld, Butare

Waschtag am Kanal des Reisfelds.

 

Ich gehe auf sie zu, um herauszufinden, ob sie mir vielleicht helfen kann. Als sie meine Kamera sieht, gibt sie mir mit Gesten sehr deutlich zu verstehen, dass sie nicht fotografiert werden möchte und dreht mir den Rücken zu.

Ich gebe nicht auf, zeige ihr die mitgebrachten Fotos. Es dauert lange, bis sie mir glaubt, dass ich keine Fotos von ihr machen möchte, sondern den einen kleinen Jungen suche, der auf den Fotos abgebildet ist.

Sie ruft eine andere Frau zu Hilfe. Sie kennt das Kind, zeigt mit dem Finger auf irgendetwas oberhalb der anderen Straßenseite und bedeutet mir wiederum gestenreich, dass sie mich hinführen will.

Sehr schnell ist sie auf der Straße und erklimmt die Böschung. Ich komme kaum nach. Mittlerweile habe ich einen kleinen Pulk von Begleitern, die alle schon über mein Vorhaben Bescheid wissen.

 

Helfer bei meiner Suche

Die kleinen Helfer bei meiner Suche.

 

Der Aufstieg entlang eines schmalen Pfads, der durch Felder und Gestrüpp führt, dauert länger als ich dachte, ich bin außer Atem.

Dann kommen Häuser in Sichtweite. Meine Begleiterin ruft etwas, eine Frau erscheint am Feldrand. Lautstark und in einem Redeschwall wird ihr erklärt, was ich will und wen ich suche – vermute ich zumindest.

Aus den wenigen Worten, die ich verstehe, wird mir klar, dass sie die Mutter des Kleinen sein muss und Malita heißt.

Sie kommt auf mich zu, umarmt und küsst mich auf beide Wangen. Überrascht und auch ein wenig verwirrt bringe ich kaum einen Ton heraus. Deshalb zeige ich ihr die Fotos vom letzten Jahr.

Sie lacht, zeigt zuerst auf einige der abgebildeten Jungs und dann auf sich: es sind ihre Söhne, die ich fotografiert habe. Dann ist der Kleine damals also seinen Brüdern nachgelaufen, geht mir kurz durch den Kopf.

Ich möchte wissen, wie der Junge heißt. Ich zeige auf sie und sage: „Malita“, zeige auf mich und sage: „Barbara“ und danach auf das Foto. Sie versteht und sagt „Patriqué“.

Endlich habe ich einen Namen für ihn. Ich überreiche ihr die Fotos und will wissen, ob er hier ist. Mehr als „nein“ verstehe ich nicht.

Natürlich muss ich ins Haus mitkommen, muss mich auf den einzigen Stuhl setzen, den es gibt. Ich bin Ehrengast. Es ist dunkel in dem fensterlosen Haus, die Mutter und andere Frauen stehen um mich herum, kichern, reden, fassen mich an. Ich lache mit.

In der Türöffnung, der einzigen Lichtquelle, drängen sich herbeigelaufene Kinder. Alle wollen mich und die mitgebrachten Fotos sehen.

Ich möchte mehr über Patriqué erfahren, will wissen, ob er zur Schule geht, wie alt er ist. Hier versagt die Verständigung mit Gesten, die wenigen Brocken Englisch und Französisch, die wir alle zusammenwerfen, reichen nicht aus und so bleiben meine Fragen unbeantwortet.

Es ist paradox: ohne gemeinsame Sprache sind wir sprachlos – und diese Sprachlosigkeit ist jetzt beklemmend.

Ich stehe auf, will gehen. Mama Malita sieht mich an und spricht mit fragendem Unterton das wahrscheinlich einzige englische Wort aus, das sie kennt: „money?“. Ich schüttele den Kopf, sie lächelt trotzdem.

Inmitten meiner vielen Begleiter, die mich jetzt auch nach Geld fragen, kämpft der Zwiespalt in mir: ich sehe die Armut, doch wenn ich einem Kind einen Dollar gebe, wird es damit mehr haben, als sein Vater oder seine Mutter durch ihre Arbeit an einem Tag verdient.

Wie viel hätte ich Patriqués Mutter geben und ihr gleichzeitig klarmachen sollen, dass das Geld für den Jungen ist, für die Schule, für Bücher, für Kleidung? Ich gehe rasch, will weg.

 

Patriqué

Auf halbem Weg zur Straße zeigt einer meiner jungen Begleiter nach vorne und ruft „Patriqué, Patriqué“.

Dort kommt ein Junge, der einen gelben Kanister auf dem Kopf trägt. Er ist es tatsächlich.

Die Clique überschüttet ihn mit Worten. Ich vermute, sie erzählen ihm, dass ich ihn gesucht habe, dass ich Fotos von ihm hatte und bei ihm zu Hause und seiner Mutter war.

Er ist in dem Jahr gewachsen, hat sich ein wenig verändert, trägt jetzt eine Hose und ein braunes Polo-Shirt, das ihm fast passt.

Doch er hat noch immer diesen ernsten Blick, der mich nicht losgelassen hat und der mich bis hierher geführt hat. Fast vergesse ich, ein Foto von ihm zu machen.

 

Patriqué

Patriqué

 

Ich zeige auf ihn und sage „school?“. Doch auch er versteht nicht, was ich von ihm wissen will. Wir sehen uns an und verstehen nichts von der jeweils anderen Welt.

In diesem Augenblick wird mir klar, dass ich noch nicht so weit bin, dass ich auf dieses Treffen nicht wirklich vorbereitet war.

2 Kommentare

Sabine von Ferngeweht

vor 3 Jahren

Was für eine bewegende Geschichte! Ich wünsche dir, dass du Patriqué eines Tages wiedersiehst und dann doch noch mehr von ihm erfährst!

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Huebscher

vor 3 Jahren

Danke Sabine. Ich hoffe auch, dass ich ihn wiedersehe - und dass ich mich dann mit ihm unterhalten kann. Vielleicht muss ich auch etwas Kinyarwanda lernen.

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